INTERNET und DEMOKRATIE

Blog zum Buch von Stephan Eisel (weitere Informationen: www.stephaneisel.de)

Wunsch fürs Internet

Posted by Stephan Eisel - 6. März 2012

Was würden Sie dem Internet für 2012 wünschen, wenn es ein Mensch wäre? Diese Frage stellte politik-digital.de Persönlichkeiten aus Politik, Medien und Wissenschaft. Mein Wunsch: Auch im Netz sollte der Umgang miteinander menschlicher sein, aber man möge das Internet nicht „vermenschlichen“.

Alle Antworten lesen Sie hier

Meine Antwort auf die Frage: „Was würden Sie dem Internet für 2012 wünschen, wenn es ein Mensch wäre?“

„Mein Geschenk wäre vor allem die Hoffnung, dass niemand das Internet mit einem Menschen verwechselt. Neulich schrieb mir ein Blogger, es sei schwierig mit mir, weil ich nicht anerkennen wolle, „dass sehr vielen Menschen das Web inzwischen richtig ans Herz gewachsen ist.“ Ich wünsche dem Internet, dass es den Menschen weder zur Geliebten noch zum Rivalen wird. Denn das Internet läutet weder den Untergang des Abendlandes ein noch führt es uns in ein Zeitalter der Erleuchtung.


Schenken würde ich dem Internet also den nüchternen Umgang mit seinen Chancen und Gefahren. Und nach der Bescherung würde ich dem Internet und all seinen Nutzern noch vom legendären Dialog zwischen dem Pionier der drahtlosen Telekommunikation Guglielmo Marconi und einem Mitarbeiter erzählen. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die erste Verbindung mit der neuen Technologie von New York nach Florida zustande kam, rief der Mitarbeiter begeistert zu seinem Chef: „Marconi, Marconi, we can talk to Florida!“ – der aber antwortete nur trocken: „That’s wonderful, but do we have anything to say to Florida?“

11 Antworten to “Wunsch fürs Internet”

  1. Hein Mück said

    Das Internet ist ein Medium, mehr nicht.

  2. Norman M. said

    Ihr Marconi Zitat ist wundervoll. Es demonstriert wie wenig sich die Legacy-Politiker um die Gegenwart und Zukunft kümmern. Stellen Sie sich einmal folgenden alternativen Fall zu obigem Dialog vor. Marconi sitzt in New York und möchte Florida eine sehr gute und wichtige Nachricht übermitteln. Darauf sein Mitarbeiter: „That’s wonderful news Mr. Marconi. Unfortunately we can’t talk to Florida.“ Hm schade. Ich kann Ihre Angst und die Angst der anderen Legacy Menschen vor dem Internet verstehen. Die Welt wächst immer näher zusammen, aus Fremden werden Freunde, die gleiche Interessen teilen – das muss nicht immer etwas wichtiges sein, manchmal ist es auch nur ein schnödes Katzenvideo. In einer vernetzten Welt werden althergebrachte Handlungsprinzipien, die nur von einer elitären Gruppe geprägt werden, überflüssig. Natürlich haben Sie das Recht sich dagegen aufzulehnen, aber ich glaube ihr Kollege Hr. Heveling hat in diesem Konflikt den falschen Sieger prophezeit.

    • Ich habe keine Angst vor dem Internet, sondern nutze es seit vielen Jahren intensiv. Allerdings plädiere ich für eine nüchterne Bewertung: Das Internet bedeutet weder den Untergang des Abendlandes noch führt es in ein neues Zeitalter der Erlösung.

  3. Dass das Netz „Chancen und Risiken“ bietet ist eine alte und triviale These. Interesanter finde ich die Frage, wie wir mit unserer traditionellen Informationskultur auf die rasante Entwicklung der Digitalisierung unseres Alltags reagieren. Hierzu ist vor allem Vertrauen in die Redlichkeit der Verantwortlichen nötig.
    Angesichts der Krise der traditionellen politischen Parteien CDU, SPD, FDP, CSU ist dies für sie eine große Aufgabe.
    Offenbar vertrauen die Bürger Facebook und Google mehr als dem undurchschaubaren Politik-System mit seinen alternativlosen Entscheidungen.
    Was geschieht, wenn auf Facebook mehrere Millionen den Rücktritt einer Regierung fordern – dies würde eine Delegitimierung des bestehenden politischen Systems bedeuten. (Dies muss nicht unbedingt jetzt so sein, aber in ein zwei Jahren wird sich die Lage drastisch weiterentwickelt haben)
    Diese Verlagerung der demokratischen Legitimation können Vertreter der traditionellen Parteien nicht akzeptieren. Andererseit können sie das Internet nicht verbieten …. Daher müssen sie versuchen, es zu majorisieren. Aber die Zeit läuft ihnen davon.
    Die Zahl der Bürger, die das Internet tagtäglich nutzen, wächst weiter rapide an. Die großen Möglichkeiten, sich hier in öffentliche politische Debatten einzuschalten, sind im politischen System noch gar nicht angekommen, es gibt noch nicht einmal entsprechende rechliche Grundlagen. Während also die Politik noch versucht, sich hinter allgemeinen Floskerln (z. B. Regierungsprogramm CDU/CSU und FDP) zu verstecken, geht die Entwicklung weiter. Googgle, Facebokk, Amazon uns. teilen sich das Internet auf. Und wer sich auf diesen Plattformen nicht einbringt, wird auf dem digitalen Müll landen … ist es das, was wir wollen?
    Die Piraten sind die einzigen, die sich mit dieser Entwicklung überhaupt auseinander setzen und versuchen, bestimmte VErteidigungslinien aufzubauen (z. B. Urheberrecht). Die traditionelle Politik lässt sich wie bei der Entwicklung des Finanzmarktes einfach überrollen.
    Mein Wunsch also wäre: Ich wünsche dem Internet das Recht auf freie Rede, das Recht auf Öffentlichkeit und dazu gehört die Anonymität, das Recht auf freie Informationen und das Recht auf Mitbestimmung in allen politischen und gesellschaftlichen Fragen.
    Eine Frage zum Abschluss: Welches Netz meinen Sie, wenn Sie sich „als intensiver Netznutzer seit Anfang der 90er Jahre“ bezeichnen?

    • Vielen Dank für den Kommentar, obwohl es für den offenen Diskurs zuträglicher wäre, Sie würden sich mit Ihrem Namen zu Ihren Meinungen bekennen als sich hinter dem Hauptmann von Köpenick zu verstecken. Aber das fällt Ihnen ja schon auf Twitter schwer.

      Zu Ihren Anmerkungen:

      1) Leider ist der Hinweis darauf, dass das Internet Chancen und (!) Gefahren birgt, nicht trivial, sondern wird von vielen in Zweifel gezogen. Zu oft wird damit eine Art von irrationaler Heilserwartung verbunden. Sie finden dazu in den Kommentaren auf diesem Blog und in meinem Buch viele Beispiele.

      2) Ohne Zweifel verändert das Internet die Kommunikationskultur, vor allem für die sich darin bewegen – aber in der allgemeinen Interneteuphorie wird oft überschätzt, wie stark das Internet von den Bürgern tatsächlich genutzt wird. Wir haben es mit einer dreifachen digitalen Spaltung zu tun: Erstens ist nach wie vor ein Drittel der Bevölkerung mangels Zugang generell vom Internet ausgeschlossen. Zweitens nutzt ein Drittel derer, die einen Internet Zugang haben, die bestehende Zugangsmöglichkeit nur selten. Drittens nutzt nur ein Drittel der regelmäßigen Nutzer über einige vor allem passiv konsumierende Angebote wie den E-Mail-Abruf hinaus die interaktiven Möglichkeiten des Internets. Im Ergebnis kann allenfalls ein Fünftel der deutschsprachigen Bevölkerung über vierzehn Jahre als aktive Nutzer des Social Web gelten.

      3) Die Verbreitungszahlen steigen übrigens nur noch langsam an (seit etwa fünf Jahren ca. zwei Prozent pro Jahr). Dies hat auch damit zu tun, dass das Internet im Unterschied zum Konsummedium Fernsehen ein Aktivitätsmedium ist, dem deswegen natürliche Grenzen in der Erreichbarkeit aller Bürger und der Nutzung durch alle Bürger gesetzt sind.

      4) Man muss sich eine neue digitale Spaltung beachten – zwischen denen, die am Arbeitsplatz einen Internetzugang haben und damit privilegiert sind, und denen, die diesen nur privat haben (und übrigens auch ausschließlich privat finanzieren müssen). Dieses strukturelle Problem ist im verakademisierten Blick auf die Gesellschaft bisher kaum erkannt.

      5) Ihre Behauptung, dem Internet würde mehr vertraut als „traditioneller Politik, ist falsch. So hat beispielsweise die Bertelsmann-Stiftung im Sommer 2011 eine Umfrage veröffentlicht, wonach 94 Prozent der Bundesbürger in Wahlen die beste Form der politischen Beteiligung sehen. Abstimmungen im Internet werden von einer Mehrheit von 54 Prozent der Bundesbürger grundsätzlich abgelehnt. Alle (!) bisherigen Online-Abstimmungen von jener über die Geschäftsbedingungen bei Facebook, über dien sog. „Online-Bürgerhaushalten“ bis zu „Adhocracy“ bei der Bundestags-Enquete haben eine katastrophal niedrige Beteiligung von weniger als 2-3 Prozent. Selbst von den Mitgliedern der Piratenpartei beteiligen sich nur 5 Prozent (!) an Abstimmungen im parteieninternen „Liquid Feedback“.

      6) Ohne Zweifel rücken die Piraten das Internet ins Zentrum der Betrachtung – das ist verdienstvoll und zugleich eine ihrer Schwächen. Ich bin übrigens immer skeptisch, wenn mann von einer Partei sagte, sie sei „die einzige“ …

      7) Sie wünschen sich im und für das Internet völlige Freiheit, für mich gehören Freiheit und Verantwortung untrennbar zusammen – das heisst Freiheit endet dort, wo sie die Freiheit des Nachbarn missachtet. Dieser Wertemaßstab muss offline wie online gelten.

      Zu Ihrer spassigen Abschlussfrage: Ich tummle mich als Nutzer und Akteur seit Anfang der 90er Jahre in der Online-Welt – und zwar in all ihren Facetten und Entwicklungsstadien. Ihre Frage danach, um „welches Netz“ es dabei geht, offenbart eine Ernsthaftigkeit, die tatsächlich an den Hauptmann von Köpenick erinnert.

  4. „… Man kennt das Muster argumentativer Hilflosigkeit: Wer nicht Ihrer Meinung ist, hat keine Ahnung. “

    Diesen Satz kann man wohl immer anbringen, wenn man sich nur rethorisch zur Wehr setzt.

    Sie argumentieren gegen die angebliche Unmenschlichkeit des Internet und übersehen dabei komplett: Die Inhalte, die das Netz interessant machen, werden von Menschen erstellt. Genau so, wie bei Büchern.

    Nach dem Weltkrieg war es die Neger-Musik, dann hat angeblich Rock die Jugend verdorben, in den 70ern waren sogar die Grünen gegen böse Computer, heute kommt Herr Eisel und wünscht sich, das böse Internet nicht zu vermenschlichen. Begreifen sie es endlich, bei den Piraten geht es nicht ums Internet, das ist ein waschechter Generationenkonflikt.

    Und was diesen Generationenkonflikt angeht, da haben sie und ihre Partei einfach keine Chance. Je rückwärtsgewandter sie argumentieren und publizieren, desto schlimmer wird es.
    Bei ihrer Wählerschicht spielt das aber eh keine Rolle, die kennen das böse Netz nur aus dem Fernsehen.

    • Hätten Sie nur etwas von dem gelesen, was ich zum Internet geschrieben habe, würden Sie mir nicht vorwerfen, ih hielte das Internet für „böse“. Ich schreibe im Gegenteil, dass es „weder gut noch böse“ ist, dass weder in den Weltuntergang noch in ein neues Zeitalter der Erlösung führt, sondern Chancen und (!) Gefahren birgt. Aber Ihnen scheint eine solche nüchtern-differenziere Betrachtung fern zu liegen.

      • „Mein Geschenk wäre vor allem die Hoffnung, dass niemand das Internet für „menschlich“ hält.“

        Das Internet ist so menschlich, wie Bücher es sind. Es ist nur ein anderes Medium.

        Würden sie auch sagen; „Mein Geschenk wäre vor allem die Hoffnung, dass niemand Bücher für „menschlich“ hält.“?

      • Die Frage lautete, was man dem Internet wünschen würde, wenn es ein Mensch wäre. Mein Wunsch ist, das niemand das Internet mit einem Menschen verwechselt.

  5. Genau, wo kämen wir denn hin, wenn jemand das Netz mit dessen Inhalten in Verbindung brächte. Inhalte, die von Menschen unkontrolliert geschrieben werden, die ihre Gedanken und Texte einfach so veröffentlichen (im kalten Internet). Das spricht schon von einem mangel an Charakter und menschlicher Nähe, einfach so mit jedem zu kommunizieren, über tausende Kilometer hinweg, als sei die räumliche Distanz nur Fiktion.
    Und was noch viel schockierender ist, die Klassiker der Weltliteratur wurden auf totem Holz gedruckt! „Liebe in Zeiten der Chollera“ oder „Von der Leichtigkeit des Seins“, alle mit verrohter Druckerschwärze auf Papier gebrannt. Papie, für das lebende Bäume extra für umgehackt wurden.

    Ach Herr Eisel, lassen sie die Angst vor dem, was sie nicht verstehen, einfach dort, wo sie Wahlkampf machen. In den Bonner Altersheimen kann man nämlich mit Internet und Online-Transparenz genau so wenig anfangen, wie sie in ihrem Blog.

    • Sehr geehrter Herr Ludwig,
      schade, dass Sie lieber Beschimpfungen äußern als sich sachlich auseinanderzusetzen. Man kennt das Muster argumentativer Hilflosigkeit: Wer nicht Ihrer Meinung ist, hat keine Ahnung. Es ist schon interessant, wie oft man auf diese ideologischen Scheuklappen trifft, wenn man es wagt, für einen nüchternen und differenzierten Blick auf das Internet zu plädieren. Ich tue das nicht von außen, sondern als intensiver Netznutzer seit Anfang der 90er Jahre. Sollten Sie die Kraft zur sachlichen Argumentation aufbringen, steht Ihnen mein Blog gerne zur Verfügung. Wenn Sie mit dem Echo Gleichgesinnter zufrieden sind, werden Sie das hier wohl nicht finden.
      Mit freundlichen Grüßen
      Stephan Eisel

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