INTERNET und DEMOKRATIE

Blog zum Buch von Stephan Eisel (weitere Informationen: www.stephaneisel.de)

  • Kategorien

  • Twitter Updates

Mehrheit mit Internet-Distanz

Posted by Stephan Eisel - 15. März 2012

„Digital Outsider“ sind auch auch eine Herausforderung für die Demokratie. Es wäre fatal, wenn „demokratiefähig“ nur ist, wer im Internet surfen kann und will. Die meisten Bürger nutzen das Netz nämlich garnicht oder nur selten.

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Mehrheit mit Internet-Distanz

Neue Studien zur Verankerung der digitalen Welt

Bei aller offenkundigen Bedeutung des Internets ist es weder Volkssport noch dominiert es für die Mehrheit der Bürger den Alltag: Mehr als die Hälfte der deutsch­sprachigen Bevölke­rung über 14 Jahre nutzt das Internet nicht oder nur gelegentlich, ist im Umgang mit der Onli­ne-Welt wenig oder gar nicht selbstständig oder muss gar als „digital Outsider“ gelten.

Angesichts dieses Befundes darf demokratisches politisches und staatliches Handeln für sich keine Dominanz oder gar Ausschließlichkeit der digitalen Welt zulassen. Freiheitliche Demo­kratie muss allen Bürgern den allgemeinen, unmittelbaren und gleichen Zugang zur politi­schen Arena garantieren:

Es wäre fatal, wenn „demokratiefähig“ nur ist, wer im Internet surfen kann und will.

Deshalb bleibt die nüchterne Analyse der Verankerung der digitalen Welt im Leben­salltag der Bürger ein zwingendes Grunderfordernis unseres demokratischen Alltages, das nicht unre­flektiertem Wunschdenken von Netzenthusiasten zum Opfer fallen darf.

Grundsätzlich haben wir es in Deutschland mit einer dreifachen digitalen Spaltung zu tun:

  • Erstens ist deutlich mehr als ein Viertel der Bevölkerung mangels Zugang generell vom Internet ausgeschlossen. Diese Rate veränderte sich in den letzten Jahren kaum.

  • Zweitens nutzt ein Drittel derer, die einen Internet Zugang haben, die bestehende Zu­gangsmöglichkeit nur selten. Schon wer nur einmal im Monat im Netz ist, gilt aber in den meisten Statistiken als „regelmäßiger“ Nutzer.

  • Drittens nutzt nur ein Drittel der sog. regelmäßigen Nutzer über passiv konsumieren­de Angebote wie den E-Mail-Abruf hinaus die interaktiven Möglichkei­ten des Inter­nets. Nur diese Minderheit ist zum Beispiel in sozialen Netzwerken unter­wegs.

Im Ergebnis kann allenfalls ein Fünftel der deutschsprachigen Bevölkerung über vierzehn Jahre als aktive Nutzer des Social Web gelten. Trotz einer unterschiedlichen Internetnutzung in den verschiedenen Altersgruppen ist in den letzten Jahren nur eine geringe Veränderung der Gesamtquote zu verzeichnen.

Dies hat auch damit zu tun, dass das Internet im Unterschied zum Konsummedium Fernsehen ein Aktivitätsmedium ist, dem deswegen na­türliche Grenzen in der Erreichbarkeit aller Bürger und der Nutzung durch alle Bürger gesetzt sind. Außerdem bestimmt das Internet das Leben derer weniger, die vom Altenpfleger über die Verkäuferin bis zum Busfahrer an ihrem Arbeitsplatz keine ständige Zugangsmöglichkeit haben.

In den letzten Monaten sind verschiedene Studien erscheinen, die auf die eingeschränkte Verbreitung des Internets hinweisen und für eine realistische Betrachtung plädieren:

Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI):

39 Prozent der über 14-Jährigen sind „digital Outsider“

https://www.divsi.de/divsi-milieu-studie

Die im Februar 2012 vorgelegte „Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet“ ist eine Grundlagenstudie des SINUS-Instituts Heidelberg im Auftrag des „Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI)“. In einer repräsentativen Umfrage wurden 2047 Face-to-Face-Interviews in der deutschen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren durchgeführt. Die Datenerhebung erfolgte in den Monaten September und Oktober 2011.

Nach dieser Studie stellt das Internet für 39 Prozent der Gesamtbevölkerung „eine digitale Barriere vor einer Welt dar, von der sie sich ausgeschlossen fühlen“. Dies gilt für 27 von 72 Millionen Menschen, die die deutschsprachigen Wohnbevölkerung über 14 Jahre ausma­chen. Diese Menschen fühlten sich als „digital Outsiders“ im Internet wie in einer fremden Welt: „Sie sprechen weder die im virtuellen Raum übliche Sprache, noch verstehen sie die verwende­ten Symbole und Applikationen intuitiv; sie sind der digitalen Kulturtechnik nicht oder nur eingeschränkt mächtig. Vor diesem Hintergrund fühlen sie sich kaum in der Lage, im Internet eigenverantwortlich zu handeln, da sie die entsprechenden Konsequenzen nur sehr bedingt ab­schätzen können.“ Im einzelnen unterscheidet die Studie:

  • „Digital Outsiders“ (39 Prozent), die entweder offline oder verunsichert im Umgang mit dem Internet sind.
  • „Digital Immigrants“ (20 Prozent), die sich regelmäßig, aber sehr selektiv im Internet be­wegen. Sie sind in der digitalen Welt nicht aufgewachsen und stehen vielen Entwick­lungen sehr skeptisch gegenüber.
  • „Digital Natives“ (41 Prozent), für die die digitale Welt einen wesentlichen Teil des Lebens darstellt. Sie stehen dem Internet sehr positiv gegenüber und sehen die fort­schreitende Digitalisierung primär als persönliche Chance.

Die Studie stellt fest, das 80 Prozent der deutschen Wohnbevölkerung über 14 Jahren einen Internetzugang haben. Bedeutsamer als „der (all­mählich versandende) „digitale Graben“ zwi­schen Onlinern und Offlinern sind heute die Mentalitätsgrenzen zwischen verschiedenen Nut­zertypen.“ So würden auch von den Onlinern nur 38 % das Internet täglich nutzen.

Initiative D 21:

61 Prozent im Internet-Umgang wenig oder nicht souverän

http://www.initiatived21.de/wp-content/uploads/2011/11/Digitale-Gesellschaft_2011.pdf

Die im Dezember 2011 von der „Initiative D21“ vorgelegte Studie „Digitale Gesellschaft 2011“ basiert auf 1000 von TNS Infratest Oktober 2011 durchgeführten Telefoninterviews

unter der deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 14 Jahren. Insgesamt teilt die Studie die deutsche Bevölkerung ab 14 Jahren in sechs Gruppen auf:
digita­le Außenseiter (26 Prozent), Gelegenheitsnutzer (28 Prozent), Berufsnutzer (7 Prozent), Trendnutzer (21 Prozent), digitale Profis (12 Prozent) und eine digitale Avantgarde (5 Pro­zent).

Der Anteil der „digitalen Außenseiter“ habe sich gegenüber 2010 nur um zwei Prozentpunkte verringert. Völlig unverändert seien die Anteile der Gelegenheitsnutzer und der (eher unfreiwilligen) Berufsnutzer geblieben. „Alle drei Gruppen zusammen bilden nach wie vor den Großteil der Bevölkerung ab, der im Umgang mit den digitalen Medien wenig oder nicht souverän ist.“

ARD-ZDF-Online-Studie 2011:

56 Prozent nutzen Internet nicht oder nur gelegentlich

http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/

Für die seit 1997 vorgelegte ARD/ZDF-Onlinestudie wurden im März und April l2011 bun­desweit 1800 Erwachsene in Deutschland befragt. Nach dieser Studie „stellen diejenigen, die das Internet gar nicht nutzen – laut ARD/ZDF-On­linestudie 2011 immerhin noch 26,7 Prozent der deutschen Bevölkerung – zusammen mit de­nen, die es nur gelegentlich nutzen, dies sind rund 30 Prozent, nach wie vor eine zahlenmäßig starke Gruppe dar.“

Dies sei insbesondere ein Problem für die sog. „EPartizipation“:

„Zurzeit scheint es, dass sich an dieser Form der Teilhabe am gesellschaftspolitischen Ge­schehen vor allem diejenigen beteiligen, die ohnehin schon aktiver an diesem teilnehmen als andere. Der digitale Graben in der Gesellschaft, der nur oberflächlich durch die hohe Internet­penetration von 73 Prozent ge­schlossen scheint, zeigt sich also auch hier.“

Bertelsmann-Stiftung:

54 Prozent lehnen Online-Abstimmungen ab

http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_107591.htm

Die Umfrage der Bertelsmann Stiftung wurde zwischen 31. Mai und 6. Juni 2011 vom Mei­nungsforschungsinstitut TNS-EMNID unter 1.005 repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern durchgeführt.

Danach lehnen 54 Prozent der Befragten Online-Abstimmungen zur Entscheidungsfindung ausdrück­lich ab, nur 39 Prozent stehen elektronischen Petitionen und nur 32 Internet-Blogs positiv ge­genüber.

Infratest-dimap:

24 Prozent lehnen Internet-Foren grundsätzlich ab

http://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/umfragen/aktuell/buerger-wollen-mehr-mitspra­che-bei-energie-steuer-und-verkehrspolitik/

Für die im Februar 2012 vorgelegte Repräsentativstudie von Infratest-dimap in Zusammenar­beit mit der Herbert-Quandt-Stiftung und der Stiftung Zukunft Berlin wurden 1800 Bürger über 18 Jahre telefonisch befragt.

Danach meinen zwar 80 Prozent, das im Internet Menschen zu Wort kommen, die sich an­sonsten an der Politik nicht beteiligen würden und noch 56 Prozent finden, das Internet schaf­fe mehr Offenheit. Aber um gekehrt sagen auch 42 Prozent der Befragten, die Vielfalt der Meinungen im Internet mache die eigene Meinungsbildung schwerer. Während beispielsweise nur 3 Prozent der Befragten die Teilnahme an einer Bürgerversammlung prinzipiell ablehnen, schließen es 24 Prozent grundsätzlich aus, sich an Internetforen zu beteiligen

Advertisements

10 Antworten to “Mehrheit mit Internet-Distanz”

  1. ikarus84 said

    Sehr geehrter Herr Eisel,

    schön, dass sie sich der Diskussion im Internet stellen. Ich denke dieser Austausch von Argumenten bringt allen Seiten etwas.
    Sie schrieben in ihrem Kommentar: „Wichtig ist mir, dass Demokratie allen Bürgern die gleiche Beteiligungschance garantieren muss – und dies ist im Blick auf e-Partizipation nicht gegeben.“

    Auf den ersten Blick ist dies ein Argument für die Demokratie: Wenn bei e-Partizipation nicht alle teilnehmen können, dann sind diese Beteiligungsformen weniger demokratisch, als sie auf den ersten Blick durch die stärkere Beteiligung der internetaffinen Bevölkerung erscheinen. Hier gibt es eine Abwägung zu treffen: Ist es besser, den meisten die gleichen, jedoch eng eingegrenzte Beteiligungsmöglichkeiten (über Wahlen) zu geben; oder vielen; dafür stärkere Beteiligungsmöglichkeiten (zusätzlich über das Internet) zu geben?

    Ich gebe ihnen in einem Punkt Recht: Wenn man heute die e-PArtizipation als einzige politische Beteiligungsmöglichkeit anbieten würde, gäbe es bei der jetzigen Verteilung der Internetnutzung in der Bevölkerung eine Art von „Eliten“-Bildung bei jungen Menschen und Akademikern. Doch spätestens in 50 Jahren werden wir in den Geschichtsbüchern über die Zeiten lesen, in denen es Menschen gab, die keinen Internetzugang hatten. Dieser Trend lässt sich nicht wegreden noch umkehren, daher muss er heute schon politisch gestaltet und genutzt werden.

    Bis dahin muss sich die Politik weiterentwickeln, besonders in den Fragen der Partizipation der Bürger an Entscheidungen und der Transparenz von Entscheidungen. Dazu müssen Wege und Möglichkeiten gefunden werden, die sinnvoll als auch gerecht sind. Es reicht nicht diese Wünsche nach mehr Partizipation zu kritisieren und Nachteile aufzuzeigen (meiner Meinung nach Tendenz der CDU). (Wie es auch für ein Parteiprogramm auch nicht reichen kann, einen „Wunschzettel“ zu verfassen, ohne dabei konkrete Umsetzungsschritte zu nennen. Das verhindert genauso konstruktive Diskussionen. Tendenziell Piratenpartei).

    In vielen Schichten der Bevölkerung macht sich eine starke Unzufriedenheit breit. Viele Menschen haben immer mehr das Gefühl, dass die politischen Entscheidungen nicht mehr in ihrem Sinne geführt werden. Wichtige Entscheidungen, die alle betreffen werden von wenigen im Geheimen getroffen, wo es nicht unbedingt nötig wäre, oft aus Sorge vor der öffentlicher Diskussion. Immer mehr Menschen genießen eine bessere Bildung, und können sich vielfältig im Internet informieren und hinterfragen, was die „da Oben“ für „die da Unten“ entscheiden. Und die „da Oben“ zeigen oft eine Angst vor dem Willen der Bevölkerung und glauben es selbst besser zu wissen, wollen sich aber nicht rechtfertigen müssen.

    Die Politik muss dringend, und ich meine wirklich dringend, lernen, das kreative Potential des Internets zu nutzen. Diese Entwicklungen lassen sich nicht mehr aufhalten. Wenn eine Partei wie die CDU häufig „gegen das Internet“ Stimmung macht, eine Atmosphäre der Angst vor dem Internet schafft, ohne selbst dabei konstruktiv zu sein, wird sie Wut in der Bevölkerung aufstauen. Stichwörter hierzu: „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum“, „Überwachung aller Emails“, „ACTA“, „Urheberrecht vs. Privatkopie“, „Three-Strikes“ etc…
    So oft kann ich mir gar nicht gegen die Stirn hauen, wie ich es möchte, wenn ich die politischen Entscheidungen, die das Internet betreffen, höre.

    „Anonymous“ hält der Politik den Spiegel vor das Gesicht. So wie die Politiker Entscheidungen im Geheimen treffen, so verstecken sich Menschen hinter ihrer Anonymität um zu protestieren. Es wundert mich nicht, dass die Menschen Angst vor dem Staat haben und sich verstecken um zu protestieren, wenn dieser Staat jede Email nach dem Wort Bombe durchsucht, etc., etc.. Auch „Anonymus“ operiert mit der Emotion „Angst“ und „bedroht“ (wenn man das so nennen darf) durch DDoS, dem Nichtverfügbarmachen von Internetseiten. Es wird von „Cyberkrieg“ (oder „digitale Sitzblockade“) gesprochen, auch wenn ich die Übertragung von Begriffen zwischen digitaler und analoger Welt diskussionswürdig halte. Alles in allem ziemlich beängstigend. (Das gilt auch für „anonymous“: Mit „Angst“ zu operieren halte ich für kurzsichtig).

    Aber was kann die Politik aus dem Internet lernen, z.B. aus dem Verhalten von „anonymous“? Dass Vertrauen in die Schwarmintelligenz beispielsweise. Wer sagt eigentlich, dass bei stärkerer e-Partizipation schlechtere Entscheidungen getroffen werden?
    Kommt es nicht darauf an? Und dass man die Entscheidungen bei der e-PArtizipationen so gestaltet, dass sie gute Entscheidungen werden? (Auch da kann man aus der Erforschung der Schwarmintelligenz einiges lernen, die ist natürlich auch nicht fehlerfrei).

    Ich denke, dass ist die wichtige Kernfrage für die Demokratie der zukünftigen Jahre: Wie kann man die Menschen an der Politik beteiligen und gute Entscheidungen für alle treffen?
    Wie definieren wir Demokratie? Alleine an der Anzahl der Menschen; oder an der Breite der Beteiligungsmöglichkeiten für diejenigen, die sich beteiligen wollen?

    Stärkere Eigenbeteiligung an der Politik gibt vielen Menschen Hoffnung, dass für sie bessere Entscheidungen getroffen werden.
    Die Politiker, die mit dieser Hoffnung operieren, werden die sein, die das Vertrauen der Menschen gewinnen, die den Staat mitgestalten wollen.

    Ich freue mich auf die Diskussion.

    Mit freundlichen Grüßen,

    S. Foerster

    • 1) Sie gehen fälschlicherweise davon aus, dass sich die Partizipationsmöglichkeiten in der repräsentativen Demokratie auf Wahlen beschränken. Tatsächlich basiert die parlamentarische Demokratie auf Wahlen als Richtungsentscheidungen und Beteiligung über Wahlen hinaus. Mehr dazu finden sie hier:
      http://burgerbeteiligung.wordpress.com/2011/11/02/reprasentativ-oder-plebiszitar/

      2) Es gibt gute Gründe dafür, dass 94 Prozent der Bevölkerung Wahlen für die beste Form der Beteiligung halten, denn Wahlen lassen sich „gleich, frei, geheim und unmittelbar“ und damit transparent organisieren. Mehr dazu hier:
      http://burgerbeteiligung.wordpress.com/2011/11/28/wahlen-sind-der-hit/#more-41

      3) Der von Ihnen gelobten „Schwarm-Intelligenz“ stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Während der Fokus der freiheitlichen Demokratie auf dem Einzelnen, seinen Rechten, Pflichten und Beteiligungschancen ruht, ist im Internet ganz in der Tradition des „volonté générale“ von Jean-Jacques Rousseau die große Zahl entscheidender Bezugspunkt. Dort ist von der „Wisdom of Crowds“ die Rede, die James Surowiecki 2004 in seinem gleichnamigen Buch mit dem Untertitel erläuterte: „Why the Many Are Smarter Than the Few and How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies and Nations“. Dieses Konzept proklamiert die in der Netzcommunity sehr populäre Theorie, dass auch einer zufällig zusammengekommenen Gruppe von Menschen hohe Entscheidungsbefugnis für alle zukommt.
      Kleine Zufallsgruppen sind sogar charakteristisches Merkmal der Entscheidungsbildung im Internet. Dies gilt umso mehr, als das Internet als Aktivitätsmedium nicht nur die Menschen ohne Netzzugang oder Netzzugangswillen komplett ausblendet, sondern auch unter der Minderheit der politisch Interessierten noch die Kleingruppe der politischen Aktivisten privilegiert. Die Herrschaft der Stärkeren und Lautesten dominiert als digitales Faustrecht die ungeregelten digitalen Netzwelten.
      Dem plebiszitäre Reiz des Internets, möglichst häufig möglichst viele möglichst schnell entscheiden zu lassen, liegt auch die Fehlannahme vom politisierten Bürger als Regelfall zu Grunde. Aber das Grundverständnis einer freiheitlichen Gesellschaft ist nicht vereinbar mit einem indirekten Zwang zum politischen Aktivismus. Es schützt damit auch die Schwächeren: weniger politisch Interessierte, weniger Lautstarke und weniger gut Organisierte. Vertreter zu wählen, die sich in eine Materie einarbeiten und dadurch besser als anderer Bescheid wissen, ist das gute Recht jedes Bürgers, ebenso wie er das Recht hat, durch eigenes Engagement die Entscheidungsfindung unmittelbar zu beeinflussen.
      4) Wenn Sie „Anonymous“ befürworten, empfehle ich die Lektüre der Kommentare, die in diesem Blog von Leuten abgegeben wurden, die sich auf Anonymous berufen: https://internetunddemokratie.wordpress.com/category/anonymous/
      Glücklicherweise ist dies kein Spiegel unserer Gesellschaft – wohl aber einer sich selbst über andere erhebenden Minderheit.
      5) Ihre Vermutung über eine Mhrheit von Bürgern, die sich im parlamentarischen System und seinen Parteien nicht repräsentiert sehen, lässt sich durch bisherige Wahlergebnisse nicht belegen. Selbst wenn Sie Wahlenthaltungen als durchgängig als Systemkritik interpretieren – was nach einhelliger Meinung der Politikwissenschaft unzulässig ist – müssen Sie einräumen, dass es sich dabei zumindest bei Landtags- und Bundestagswahlen regelmäßig um eine Minderheit handelt. Im übrigen sind Wahlenthaltungen bei Volksentscheidungen regelmäßig um 20 Prozent höher als bei Wahlen.

  2. Michi said

    Fakt ist, 74,7% der Deutschen sind online
    – 14-29 Jahre ~ 97,3%
    – 30-49 Jahre ~ 89,7%
    – 50+ Jahre ~ 52,5%
    Quelle: (N)Onliner Atlas 2011

    Wie häufig, wo, wann und für was sie es nutzen ist unterschiedlich.
    Das widerlegt aber ihre Behauptung: „Die meisten Bürger nutzen das Netz nämlich garnicht oder nur selten.“

    Dieser „Befund“ zeigt die Wichtigkeit und Potentiale des Internets auf, welch wichtiges ergänzendes Mittel das Internet zur politischen Teilhabe sein und weiter werden wird. Es ist auch mit Nichten der Fall, dass sich die Mehrheit der Bürger täglich für Politik interessieren. Also tun sie das logischer Weise auch nicht im Netz.

    Wer redet überhaupt davon, das Demokratie jausschließlich im Netz stattfinden soll???? Kein Mensch!
    Verstehe also den Sinn des ganzen Beitrages irgendwie nicht.
    Das Netz kann ein Zusatzangebot schaffen, genau wie Radio, Fernsehen und Tageszeitungen.
    Auch dort gibt es „Leseverweigerer“ und „TV-Hasser“ also „Offline Outsider“. Was machen Sie denn mit denen???

    Was heißt denn Bezüglich der Nutzung: „Internet-Umgang wenig oder nicht souverän“?
    Wenn die Hausfrau Ihr Küchenradio einschaltet nutzt sie dieses ja auch nicht souverän nutzen.
    Nur weil der Fernseher den ganzen Tag flimmert, muss ich daraus noch keinen Informations- oder Bildungsvorteil ziehen.

    Besser wäre es gewesen, sie würden das Internet den anderen Medien gegenüberstellen.
    Dann kommen Sie im Verhältnis nämlich zu einem ganz anderen Rückschluss!

    • Sie schreiben:
      „Wie häufig, wo, wann und für was sie es nutzen ist unterschiedlich“
      Das ist neben der Tatsache, dass 25 Prozent garkeinen Internetzugang haben, der entscheidende Punkt !
      In den üblichen Statistiken zählt schon der als „regelmässiger Nutzer“, der nur einmal monatlich (!) ins Internet geht.
      Die von mir aufgeführten Studien belegen, dass in der Folge die Mehrheit der Deutschen das Internet wenig oder garnicht nutzen, d.h. eine große Distanz zum Netz haben.
      Wenn man das Internet als „Zusatzangebot“ begreift, ist dies kein Problem. Wenn man aber (wie etwa die Piratenpartei) wesentliche oder alle teile des demokratischen Prozesses (Transparenz, Partizipation, Entscheidung) auf das Internet verlagert, schließt man damit große teile der Bevölkerung aus. Dies geschieht beispielsweise bei den sog. „Online-Bürgerhaushalten“. Diese Art von E-Partizipation ist nichts anderes als Elitenprivilegierung.
      Wer das Internet in der freiheitlichen Demokratie verantwortlich nutzen will, muss seine Verbreitung und Akzeptanz in der Bevölkerung realistisch einschätzen. Dem dient mein Beitrag.
      (Übrigens: die Haushaltsabdeckung und tägliche (!!!) Nutzung von Fernsehen und Radio liegt bei über 99 Prozent. Mehr dazu finden Sie in meinem Buch)

  3. Vo_bonn said

    Jeder kann waehlen gehen, wenn er will
    30% gehen nicht waehlen
    Jeder kann ins Internet, wenn er will
    40% tun das nicht oder selten
    Wahlen sind ok
    E-Partizipation nicht
    Warum?
    Weil CDU-Waehler Nonliner sind.

    • Sie täuschen sich: Es kann nicht jeder ins Internet gehen. Es gibt technische, finanzielle und individuelle Hürden. Lesen Sie den zitierten Studien nach. Solche Hürden gibt es bei wahlen nicht.
      Im übrigen spricht nichts gegen „E-Partizopation“ im Sinne eine Diskussionsforums wie dies andere Medien auch sind. Ich beteilige mich seit langem u. a. mit solchen Blogs an „E-Partizipation“. Allerdings lehne ich Internetabstimmungen ab, weil sie eine Minderheit privilegieren und höchst manipulierbar sind. Dazu finden in den artikel auf diesem Blog viele Beispiele.

  4. ikarus84 said

    Sehr geehrter Herr Eisel,

    ich finde Ihren Beitrag interessant und reizvoll für eine Diskussion.
    Ich verstehe Sie so, dass man der reinen E-Partizipation skeptisch gegenüber stehen soll, da ein großer Teil der Bevölkerung nicht „fit“ im Umgang mit dem Internet ist, oder gar keinen Zugang hat.
    Unklar bleibt mir aber dabei, was ihre Schlussfolgerung aus diesen Umfragen ist.
    Implizit schließe ich daraus, dass sie befürworten nicht alleine digitale Wege zur demokratischen Beteiligung der Bürger offenzuhalten, sondern auch andere, wie zum Beispiele Bürgerversammlungen.
    Dies kann ich so nur unterstützen. Schließlich ist die „Informationsrevolution“ noch eine sehr junge Entwicklung, wenn man sie einmal historisch betrachtet. Gerade mal 20 Jahre alt ist das „Web“, das Internet selbst etwa 40 Jahre. Es steckt also noch alles in den Kinderschuhen.
    Besonders kann ich verstehen, dass ältere Menschen die neuen Entwicklungen skeptisch betrachten, insbesondere wenn sie die Entwicklungen vor allem aus anderen Medien vermittelt bekommen, also über Print und Fernsehen. Doch noch vor 50 Jahren steckte das Fernsehen beispielsweise genau so in den Kinderschuhen: Ein Fernseher im Dorf, das war schon etwas besonderes. Ansonsten las man Zeitung oder sprach mit den Nachbarn. Wer hätte damals gedacht, dass heute in jeder Hundehütte ein Kabelanschluss liegt, oder per Satellit mehrere 1000 Programme empfangbar werden.
    Wesentlicher Unterschied des Internets ist der Rückkanal: Ich kann ihnen beispielsweise auf ihrer Webseite einen Kommentar schreiben. Früher hätte ich nur einen Brief schreiben können, aber wer hätte das schon getan? Vor allem, wie wäre ich auf ihren Text gestossen, vermutlich überhaupt gar nicht.
    Zurück zum Punkt: Was sind ihre Schlussfolgerungen aus dieser Situation?
    Ich habe zweitens den Eindruck, ihre Zielgruppe sind die Menschen, die die „nativen Digitalen“ gerne mal ironisch als „Internetausdrucker“ bezeichnen, auch wenn das die Diskussion nicht wirklich weiterbringt. Diese sind skeptisch gegenüber den Entwicklungen, und wollen diese eher bremsen, d.h. möglichst wenig Partizipation im Internet.

    Ich würde mir wünschen, dass die Politik sich bemüht diesen Menschen, die bisher von der Partizipation ausgeschlossen sind, es zu erleichtern teilzunehmen. Zum Beispiel durch die Verbesserung der Internetanschlüsse auf dem Land: Freunde von mir würden gerne ins Internet, können aber nicht, weil sie dort keinen Anschluss bekommen. LTE gibt es dort auch noch nicht, und selbst wenn, ist es noch immer sehr teuer. Hier sehe ich die Politik gefordert, der Wirtschaft dabei auf die Sprünge zu helfen.

    Ein Argument von Ihnen verstehe ich nicht:
    „Dies hat auch damit zu tun, dass das Internet im Unterschied zum Konsummedium Fernsehen ein Aktivitätsmedium ist, dem deswegen na­türliche Grenzen in der Erreichbarkeit aller Bürger und der Nutzung durch alle Bürger gesetzt sind.“

    Wieso gibt es dadurch eine Grenze? Ich hoffe nicht, dass sie damit meinen, dass im Internet bald kein Speicherplatz mehr zur Verfügung steht?! Gerade weil es ein Aktivitätsmedium ist, können alle zum Sender und Empfänger werden. Das finde ich doch wunderbar.

    Kurzum: Ich würde mir wünschen, dass es eine Vielfalt der Partizipationsmöglichkeiten gibt; dass die Politik nicht die Ohren verschließt vor dem Rückkanal des Internets; dass die Politik wahrnimmt, das es einen Wandel gibt in der demokratischen Beteiligung; und dass sie diesen Wandel mitgestaltet zum Wohle aller.

    Mit freundlichen Grüßen,

    S. Foerster

    tl;dr

    Unklar bleibt, was für die Politik aus der Aussage folgt, dass viele Menschen nicht im Internet sind? Ich wünsche mir eine Vielfalt der Beteiligungswege und eine Unterstützung und vernünftige Gestaltung der digitalen Kommunikationswege als Ziel für die nahe Zukunft.

    • Mir geht es zunächst einmal um eine nüchterne Bestandsaufnahme, die beim Thema E-Partizipation leider meist fehlt. Wer wie z. B. die Piratenpartei überwiegend oder ausschliesslich darauf setzt, verkennt, dass es sich dabei um eine Elitenprivilegierung handelt. Dazu gehört auch das Beispiel der um sich greifenden „Online-Bürgerhaushalte“. Ausführlicher habe ich mich in diesem Aufsatz damit auseinandergesetzt:
      https://internetunddemokratie.wordpress.com/2011/12/12/die-selbstuberschatzung-politischer-internet-utopien/

      Ich bin im übrigen sehr dafür, möglichst vielen Menschen die gleiche Zugangschance zum internet zu eröffnen und hier gibt es ohne Zweifel – beispielsweise im ländlichen Raum – noch Nachholbedarf. Es stellt sich allerdings die Frage, ob der „Rückkanalcharakter“ (ich nenne das „Aktivitätsmedium“) des Internets nicht eine größere Gruppe der Bevölkerung per se ausschliesst, die sich damit ihres Rechts der Delegation beraubt und dem Dauerdruck der Politisierung ausgesetzt sehen. Dazu ist u.a. diese Umfrage aufschlussreich:
      https://burgerbeteiligung.wordpress.com/2011/11/28/wahlen-sind-der-hit/

      Dieser Gesichtspunkt hat aber zugegebenermaßen einen prognostischen und damit auch spekulativen Charakter. Wichtig ist mir, dass Demokratie allen Bürgern die gleiche Beteiligungschance garantieren muss – und dies ist im Blick auf E-Partizipation nicht gegeben.

      • ikarus84 said

        Es ist richtig, dass E-Partizipation allein nicht der goldene Weg sein kann. Eine Vielfalt der Beteiligungswege ist notwenig. Bisher scheint es aber so, dass die e-Partizipation ein Stiefkind ist. Dazu kommt, dass die politische Welt oft Aussagen bis hinzu Gesetzen „das Internet“ betreffend in die Welt setzt, die von Unkenntnis derselben zeugen. (z.B. Three-Sthrikes fordern bei „Raubkopien“ und dann selbst auf der eigenen Website Bilder anderer Fotographen ohne Lizenz nutzen“; Kauder)
        Das führt auch bei mir manchmal zu Verwunderung, ist aber verständlich, wenn man betrachtet, wie jung diese Ereignisse sind: Wie gesagt, das Web gibt es gerade mal etwa 20 Jahre, da kann man nicht von allen die notwendige Kompetenz erwarten, nicht mal von der Regierungselite.
        Lobenswert finde ich da die ersten Versuche des Regierungssprechers und auch vieler anderer Politiker im Internet zu kommunizieren.

        Meine Prognose sieht anders aus: Wenn man sich anschaut, wie Unter-14-jährige mit dem Internet umgehen (die in den Umfragen außen vor bleiben), und weiß, dass die Menschen, die heute 20 sind und fit im Internet sind, irgendwann mal 60 sind, und noch fitter dabei sind, dann ist es doch quasi selbsterklärend, dass diese heute noch Jungen später einmal auch über das Internet sich an der Demokratie beteiligen wollen.
        Ich glaube niemand sagt, dass heute sofort Wahlen nur noch online stattfinden sollten (Piraten sind ja sogar gegen Wahlcomputer!), oder nur noch das Internet zur politischen Diskussion dienen dürfe. Aber das man sich nun auch im Internet demokratisch beteiligen kann und das damit ganz neue Chancen eröffnet werden ist – meiner Meinung nach – fantastisch.

        So weit ich z.B. Liquid Feedback (das e-PArtizipations-System der Piratenpartei) verstanden habe, gibt es dort sowohl die Möglichkeit zur Partizipation, als auch zur Delegierung.
        Ich sehe z.B. kein Problem als Standard die Delegierung von Entscheidungen durch reguläre Wahlen zu setzen, neben der Möglichkeit mich zu einzelnen Themen, bei denen ich Kompetenz und Interesse habe, selbst zu entscheiden.

        Damit bestünde kein Dauerdruck, aber die Option mitzumachen.

      • Es spricht überhaupt nichts dagegen, sondern alles dafür das Internet als einen weitere Plattform politischer Debatte und Mitwirkung zu nutzen. Ich mache das seit über zehn Jahren und auch für viele andere ist das nichts Neues.

        Problematisch wird es, wenn daraus insofern ein Zwang wird als das Internet einzige oder dominierende politische Plattform werden soll wie das beispielsweise die Piratenpartei anstrebt. Übrigens beteiligen sich selbst in der Piratenpartei nur 5 Prozent der Mitglieder an der parteiinternen Mitwirkungs- und Abstimmungsplattform Liquid feedback.

        Ich habe meine Analyse zum Thema hier zusammengefasst:
        https://internetunddemokratie.wordpress.com/2011/12/12/die-selbstuberschatzung-politischer-internet-utopien/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s