INTERNET und DEMOKRATIE

Blog zum Buch von Stephan Eisel (weitere Informationen: www.stephaneisel.de)

Der virtuelle Mob

Posted by Stephan Eisel - 8. Mai 2012

Das „Chanson des Monats“ Mai stammt von dem Kabarettisten und Liedermacher Thomas Pigor und befasst sich scharfzüngig mit einem problematischen Internetphänomen. Das Duo „Pigor singt“ – „Benedikt Eichhorn muss begleiten“ gewann bereits den deutschen Kleinkunstpreis und 2010 den ersten „Deutschen Chanson-Preis“.

Hier gehts zur homepage von Thomas Pigor

Den Song können Sie hier anhören.

Der virtuelle Mob
Text u. Musik: Thomas Pigor

Ich bin der König aller Foren, ich bin überall präsent
Ich bin unflätig, zotig und impertinent
Mein Deutsch ist erbärmlich, meine Wortwahl vulgär
Orthographie ist mir lästig und zu elitär

Ich gebe ungefragt zu allem meinen Senf dazu
Ich hab von nichts eine Ahnung und ich respektiere kein Tabu
Ich pöble wild drauf los auch ohne triftigen Grund
Reflexartig wie ein Pawlowscher Schweinehund

Ich bin der Abschaum
Ich krieche über deinen Desktop
Hallo!
Ich bin der virtuelle Mob

Ich will alles umsonst und zwar sofort per Mausclick
Ich finde Urheberrechte nerven nicht nur in der Musik
Ich rippe alle neuen Kinofilme und Videoclips
Cool! Und ich liebe Gossips

Ich fordere Freiheit im Netz und das Recht abzufahrn
Auf folternde Marines und auf nackte Taliban
Ich mobbe deine Kinder im virtuellen Schulhof
Baby sieh dich vor, dass ich dich nicht irgendwie doof

Finde, oder provokant gegen meine Norm
Wenn du mir gegen den Strich gehst, werde ich zum Shitstorm
Ironie, ich weiß nicht, wie sowas geht
Ich kapier den Witz nie, wenn kein Smiley dahintersteht

Ich bin der Abschaum
Ich krieche über deinen Desktop
Hallo!
Ich bin der virtuelle Mob

Ich bin immun gegen Logik, die Macht des Arguments
Aufaddierte Ignoranz heißt bei mir Schwarmintelligenz
Im Zweifelsfalle reagiere ich national
Ich bin altersrassistisch und antiliberal

Ich fordere die Todesstrafe für den pädophilen Morast
Die Herausgabe der Täter an den Flashmob vor dem Knast
Ich bin das Mobbingmonster, das unbekannte Ungetüm
Du kannst mich nicht fassen, denn ich bin und bleibe anonym

Thorsten, Essen ist fertig!

22 Antworten to “Der virtuelle Mob”

  1. RK said

    Worum geht es hier gerade? Um den Wahrheitsgehalt des Songs? Oder wollten Sie diesen nur mit den Bloglesern teilen? Viel mehr als Sarkasmus kann ich dem Song nicht entnehmen, habe aber schon witzigere Parodien gesehn.

    • RK said

      Ich muss allerdings sagen, das mich der virtuelle Mob 1:1 an den realen Mob erinnert. Es gibt eigendlich keine Unterschiede, von daher finde ich es etwas fragwürdig sich explizit mit dem Virtuellen zu beschäftigen. Es sei denn, der Witz ist es, die Fachbegriffe des Netzes zu verwenden. Ist halt nicht mein Humor.

      • Der „virtuelle Mob“ kann doch noch aggressiver sein, vor allem dann, wenn er sich im Schutz der Anonymität abspielt. Hier trifft er sich allerdings mit dem Offline-Mob, der seine Aggression auch gerne in der Anonymität verbirgt.

      • RK said

        Ich bin der Meinung, beides ist eng mit einander verzahnt. Ich kann mir gut vorstellen das die Personen im realen Mob auch einen Großteil des virtuellen Mobs ausmachen. Der äußert sich dann aber wohl drastischer als Offline. Man darf aber niemals vergessen, das der Mob ein Symptom ist, nicht die Ursache. Für Kunst kann man das natürlich aufgreifen, für einen Lösungsweg muss man aber tiefer graben.

      • Auch wenn es um ein „Symptom“ ginge, darf man als Demokrat bestimmte Verhaltens- und Ausdrucksweisen nicht unwidersprochen lassen.

    • Ich finde, dass der Song die Realität treffend (wenn auch zugespitzt) beschreibt. Meine Erfahrungen z. B. mit Anonymous-Anhängern bestätigen dies. Dazu können Sie auf diesem Blog ja viel lesen.

  2. Lieber Dr. Eisel. Thomas Pigor trifft´s. An Sie: Viel Feind, viel Ehr. Respekt für Ihren Mut. Und meine Unterstützung. Ich habe angefangen, Ihr letztes Buch zu lesen. Gefällr mir.

  3. he said

    Ich mag Imperialisten mit fetten beutel,
    bin erfolgreich & schön, keim bisschen Eitel,
    Bin Kleineigentümer mit Pflichten ohne Rechte,
    huldige nun die, die mich machten zum Knechte.
    Lieber weniger Freiheit, das sag ich im Lauf,
    mehr Sicherheit und gib Demokrit auf.

    • Es gibt unterschiedliche Arten, den Text von Thomas Pigor zu bestätigen.

      • he23 said

        Die hohe Kunst der Dichtung ist nicht die meinige, wie Frau und man liest.
        Dennoch halte ich es für kultivierter, wie bei einem Sängerwettstreit zu antworten,
        als zu schimpfen, auch wenn ich in dieser Kunst nicht einmal Lehrling bin und
        nie die Gesellenschaft erlangen werde.

      • Außer Schimpfen und unfertigen dichterischen Gesellenstücken wäre das Handwerk des Argumentierens eine Option.

      • he23 said

        Das Künstler eher ein karger Beruf ist, bis man wirklich erfolgreich ist, ist klar.
        Wenn jemand ärmerer wegen 5 mp3s oder Störerhaftung oder sonstigen Taten Geistiges Eigentum betreffend angeklagt wird, dann erscheint das Recht eher wie Willkür, zumal andere strafbare Handlungen, wie Vandalismus, Sachbeschädigung, Besitzstörung etc. weit geringere Kosten für den Angeklagten mit sich bringen. Wenn die Regierungen eher nur mit Lobbyisten und Interessenvertretungen sich absprechen, die Bürgerinnen und Bürger kaum aber Gehör finden, dann entsteht ein Mob, der oft nicht klug agiert. Es heißt nur ein Herrscher, Monarch, Sultan, Imperator, Kaiser kann gerecht sein und mild und weise regieren, in der Demokratie, wo die Macht durch Wahl des Volkes bestimmt wird, hat das Volk mit der Freiheit der Wahl und demokratischen Verantwortung, es selbst in der Hand und somit den Anspruch auf oben genannte Eigenschaften verloren.
        Das Volk hatte sehr oft seine Fürsprecher, egal ob als Volkstribun oder Gewerkschaftler.
        Manche Vorschläge der Medienwirtschaft machten für mich durchaus Sinn, aber ich bitte die Psychologie zu betrachten.
        Mancher Rechteverwerter traf Aussagen wie: „Man kann ja bei höhe der Strafe beim ersten und zweiten Mal ja durchaus nachlässiger sein, damit es arme Familien nicht zu hart trifft!“
        Solche Aussagen ohne Verhandlungsteilnehmer des Volkes wirken eher wie eine milde Gnade von oben, die sich auch wieder jederzeit in Härte umwandeln kann. Hätte ein Volksvertreter ein ähnliches Ergebnis verhandelt, dann hätte Frauen und Männer gesagt: „Er/Sie hätte mehr herausholen können, aber es hätte auch schlimmer kommen können, er/sie versuchte es wenigstens. Die andere Seite hatte einfach die besseren Argumente, machte mehr Angst vor Arbeitslosigkeit, war durch ihrer Kapitalstärke im Vorteil!“
        Und da ist die Psychologie eine ganz andere

      • Die von Ihnen angesprochenen Strafen bei der Verletzung des Urheberrechts durch Raubkopien fallen dann höher aus, wenn solche Raubkopien aus kommerziellen Interessen gemacht werden.

      • he23 said

        Und das ist auch gut so! Niemand ist dafür (auch nicht Piraten), dass Raubkopien egal ob gewinnbringend oder nicht ohne Abgeltung des Urhebers kommerziell genutzt werden.
        Allerdings ging es mir in dem Beispiel nur um rein private nicht kommerzielle und nicht Massennutzung.

        Urheberrechtsverletzungen können jedem Internetnutzer doch sehr schnell „passieren“, sobald er eine Suchmaschine bedient oder einem Link folgt, sogar ohne dass er über die genaueren Umstände Bescheid weiß.
        Mich z,B. interessiert es nicht, Musik und Videos herunterzuladen. Bei Youtube sehe ich sehr sehr selten Musikvideos an (10x / Jahr).
        Allerdings suche ich in diversen Suchmaschinen nach Themen und Inhalten. Wenn ich dabei einer Verlinkung zu einem Dokument, egal ob .pdf, .doc, .xls, .ppt folge, kann ich mir an sich nie sicher sein, inwieweit es sich um frei verfügbare Werke im Sinne des Urheberrechts handelt.

        Da die meisten Browser für viele Situationen Caching implementieren, gelangen so über diesen Mechanismus geschützte Dokument auf die Speichermedien des Benutzers.
        Jeder der schon mehr als 10 PDF Dokumente im Netz insgesamt in seinem Leben geöffnet hat, wäre wahrscheinlich bei harter Auslegung bereits mit 3-Strikes draußen.
        Deswegen stimme ich den Piraten zu, dass das Urheberrecht nicht abgeschafft, sondern reformiert gehören sollte. Inzwischen haben auch konservativere Juristen gewissen Reformbedarf wahrgenommen.

      • Leider ist die Haltung der Piraten sehr unklar, weil sie den Grundsatz des „geistigen Eigentums“ nicht respektieren.

        Der Bundestag hat 2007 eine Reform des Urheberrechts beschlossen, nach der Privatkopien von nicht geschützten CDs oder DVDs weiterhin erlaubt sind – nicht aber von Filmen und Musik aus dem Internet. Offensichtlich rechtswidrige Angebote aus Internet-Tauschbörsen wie zum Beispiel aktuelle Kinofilme dürfen weder heruntergeladen noch als Privatkopie vervielfältigt werden.

        Wenn Sie pdf- oder andere öffentlich zugänglich Dokumente öffnen und lesen, ist das keine Verletzung des Urheberrechts. Sie können auch unter Angabe der Quelle daraus zitieren. Eine Urheberrechtsverletzung bei unautorisierter öffentlicher Verbreitung vor – z.B. auch wenn Sie ein Bild ohne Einverständnis des Fotografen auf Ihre homepage stellen.

    • he23 said

      Besonders sollte das Volk schlechtere Vertreter abwählen und bessere Vertreter wählen können. Das glaub ich ist das ureigenste Prinzip einer Demokratie. Warum wählten soviele weiß oder gehen gar nicht wählen? Nicht wegen mangelnden demokratischen Bekenntnis, sondern weil auf die einfache Staatsbürgerin, den einfachen Staatsbürger kaum noch Rücksicht genommen wird. Brot und Spiele sind heute Wahlzuckerln und Show und das ist doch für viele Bürgerinnen und Bürger ziemlich unbefriedigend.
      Die Piratenpartei hat diese Erfolge, gerade weil sie politisch ahnungslos ist und daher traut man ihr mehr zu in Sachen Bürgerrechte.

      • In der Tat kann man in unserer Demokratie bei Wahlen Politiker abwählen, denen man nicht vertraut. Dass die von Ihnen beschriebene Ahnungslosigkeit der Piraten aber ein Grund sein soll, dieser Partei zu vertrauen, kann ich nicht nachvollziehen.

      • Don´tSayMyName said

        Da kann ich ihnen gleich mal ein literarisches Beispiel geben was selbst sie verstehen Herr Eisel aus einen meiner liebsten Kinderromanen die ich gelesen hab:

        Wem vertrauen sie wohl mehr? Der hilfsbereiten Momo, oder den tyranischen grauen Herren?

        Ich Könnte auch einfach „Den Blinden oder den Tyrannen“ reinsetzen aber beides meint das selbe.
        Wenn jemand offen ist und nicht versturrt seinen Willen in diesem und jenen weg lang trämpeln will und auch mal den Leuten zuhört wird er eher vertrauen entwickeln, als irgendwer der Versprechungen macht, diese dann nicht einmal einhält und es dann äh so macht wies ihm gerade gefällt.

        Und wenn sie das immer noch nicht verstanden haben dann weiß ich ernsthaft nicht wie mans ihnen erklären soll.

        Mit freundlichen Grüßen Don´tSayMyName

      • Ihr literarischer Hinweis belegt erneut, dass nur Toleranz und gegenseitiger Respekt eine menschliche Gesellschaft ermöglichen. Dazu gehört auch, dass Konflikte in Anerkennung demokratischer Spielregeln, d.h. des Mehrheitsprinzips geregelt werden.

      • Don´tSayMyName said

        Wenn sie damit meinen das die Parteien noch was von den Piraten lernen könnten in diesem Fall stimme ich ihnen zu, sollte es jedoch so gemeint gewessen sein das sie denken die anderen Parteien WÄREN bereits wie sie sagen „tolerant“ und würden “ respekt einer menschlichen Gesellschaft ermöglichen“ verneine ich gleich schon bei einigen Dingen, nicht im ganzen aber bei einigen Dingen, die sich die Parteien erlaubt haben während den letzen Jahren.

        Den wie sie sagten: „Dazu gehört auch, dass Konflikte in Anerkennung demokratischer Spielregeln, d.h. des Mehrheitsprinzips geregelt werden.“ Hat die Piratenpartei mit ihrer Idee das jeder Ideen einwerfen kann und alle darüber abstimmen dürfen, diesen Satz schonmal am meisten verinnerlicht.

        Mit freundlichen Grüßen Don´tSayMyName

      • Jede demokratische Partei kann von jeder anderen demokratischen Partei etwas lernen. In demokratischen Parteien kann auch jeder seine Meinung sagen, Vorschläge machen und um Mehrheiten werben. Das haben nicht die Piraten erfunden. Die Piratenpartei stellt innerparteiliche Mehrheiten ganz überwiegend durch das Internet fest, zugleich beteiligen sich selbst von den Parteimitgliedern nur 5 Prozent an solchen Abstimmungen. Wie problematisch dieses Vorgehen ist, wird hier gut zusammengefasst: http://burgerbeteiligung.wordpress.com/2012/05/21/burgerbeteiligung-im-internet-wirkungslose-wunderwaffe/

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s