INTERNET und DEMOKRATIE

Blog zum Buch von Stephan Eisel (weitere Informationen: www.stephaneisel.de)

Internetstagnation als Politikfakt

Posted by Stephan Eisel - 29. August 2012

 Wer die Möglichkeiten des Internet in der politischen Arbeit sinnvoll nutzen will, tut gut daran, die begrenzte Reichweite des Mediums nicht zu ignorieren. Dazu liefern zwei wichtige im Sommer 2012 vorgelegte Untersu­chungen über die Nutzung des Internets wichtige DatenFür die Politik wäre es deshalb ebenso falsch ausschließlich auf das Internet zu setzen, wie es fahrlässig wäre, die Chancen des Internet nicht zu nutzen. Demokratie basiert auf gleichen Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten für alle, die das Internet (bisher?) nicht bieten kann.

 

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken. 

(N)ONLINER-Atlas und ARD/ZDF-Onlinestudie 2012:

Internetstagnation als Politikfakt

Unverändert ist nur Minderheit „digital souverän“ 

Wer die Möglichkeiten des Internet in der politischen Arbeit sinnvoll nutzen will, tut gut daran, sich über die begrenzte Reichweite des Mediums nicht zu ignorieren. Dazu liefern zwei wichtige im Sommer 2012 vorgelegte Untersu­chungen über die Nutzung des Internets wichtige Daten[1]:

Sowohl  der (N)ONLINER Atlas als auch die ARD/ZDF-Onlinestudie 2012 konstatieren  übereinstimmend eine Stagnation in der Verbreitung des Internets: Knapp 76 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahre sind wenigstens gelegentlich Online, ein Viertel hat keinen Internetzugang. Insgesamt nutzen also immerhin 17 Millionen Bürger über 14 Jahre in Deutschland das  Internet überhaupt nicht. Als „Onliner“ galten dabei schon diejenigen, die das Internet innerhalb der letzten vier Wochen nur einmal genutzt haben. 

Diese Zahlen haben sich gegenüber den letzten beiden Jahren in beiden Studien kaum verändert. Im (N)Onli­ner-Atals 2012 heisst es ausdrücklich: „Die Entwicklung der Internetnutzer in Deutschland gerät zunehmend ins Stocken.“ Dies könnte darauf hindeuten, dass das Internet als „Aktivitätsmedium“ nicht die fast vollstän­dige Verbreitungsdichte der „Konsummedien“ Fernsehen und Radio erreichen wird. 

Dies zeigt sich auch in der bezogenen auf die Gesamtbevölkerung stagnierenden durchschnittlichen täglichen Nutzungsdauer des Internets (83 Minuten). Sie liegt nach der ARD/ZDF-Onlinestudie beim Fernsehen mit 242 Minuten dreimal und 191 Minuten am Radio mehr als doppelt so hoch. Diese Unterschiede werden noch offenkundiger, wenn man bedenkt, dass der nebenher laufende Fernseher dennoch „aktiv“ bleibt, das heisst gesehen und gehört wird. Das Internet kann nicht „nebenher laufen“, da es vom Nutzer immer wieder Aktivi­tät verlangt, um selbst aktiv zu bleiben. 

Nach der ARD/ZDF-Onlinestudie gehen inzwischen 22 Prozent der Internetnutzer über mobile Zugänge von Smartphones, Tablets oder Laptops  ins Netz. An der Gesamtzahl der Nutzer hat dieser neue Zugangsweg aber ebenso wenig geändert wie an der im Internet verbrachten Zeit, die auch bei Onlinern bei durchschnitt­lich 2 Stunden und 15 Minuten täglich stagniert. Ob diese Zeit des hergestellten Internetzugangs tatsächlich zu Ak­tivitäten im Netz genutzt wird, lässt sich im Zeitalter von Flatrates nicht festststellen.

Bei diesen Zahlen zur Internetverbreitung gilt es außerdem zu beachten, dass beide Studien aus­drücklich dar­auf hinweisen, dass sich nur eine Minderheit der Internetnutzer so sicher im Internet bewegt, dass sie als „di­gital souverän“ bezeichnet werden können. Die ARD/ZDF-Studie betont deshalb, „dass die bloße Verfügbar­keit des Internets nicht automatisch zu einer routinierten und habitualisierten Intern­etnutzung führt.“ 

Die ARD/ZDF-Studie hält fest:  „43 Prozent aller deutschen Internetnutzer gehören entweder der Gruppe der Randnutzer (25 %) oder der Selektivnutzer (18 %) an. … Kennzeichnend für diese beiden Gruppen ist, dass sie das Internet noch nicht in ihren Medienalltag integriert haben und sich ihre Nachfrage auf wenige be­kannte Angebote und Funktionen beschränkt.“ 

53 Prozent der befragten Internetnutzer stimmen nach der ARD/ZDF-Onlinestudie der Aussage zu:  „Ich habe die Seiten, die mich interessieren, gefunden und suche kaum noch neue“. 60 Prozent der Onliner „nut­zen Social-Web-Angebote nicht oder eher passiv und sporadisch“: Die meistgenutzte Internetanwendung bleibt auch 2012 das Schreiben von EMails. 

Bezogen auf die Gesamtbevölkerung unterstreicht der (N)ONLINER Atlas: „Nur 38 Prozent der Bürgerin­nen und Bürger sind bereits in der digitalen Alltagswelt angekommen.“ Die ARD/ZDF-Studie zählt 40 Pro­zent der Bürger „zu den Digital Natives, für die das Netz selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens ist.“ 

Das Internet scheint auch politischen Hoffnungen einer stärkeren Interaktion selbst bei den jüngeren Nutzern nicht zu erfüllen. Die ARD/ZDF-Onlinestudie hält dazu ausdrücklich fest: „Ähnlich wie in der Generation ihrer El­tern und Großeltern dominiert im Medienverhalten der Jüngeren eine passiv-konsumierende Grundhaltung, was auch den Umgang mit dem Internet einschließt. … Das Internet ist für sie kein neuer Medienkosmos, den sie selbst aktiv gestalten, sondern eine nützliche Erweiterung der „alten Medien“. 

Auf das  „Mitmach-Web 2.0“lässt sich nur eine Minderheit der Onliner ein. Nach der ARD/ZDF-Stu­die beteiligt sich nur ein Viertel von ihnen regelmäßig an Gesprächsforen und Chats, nur sieben Prozent nutzt Weblogs und nur vier Prozent Twitter ( „Beim Echtzeitkommunikationsdienst Twitter klaffen zwischen öffentlicher Wahrnehmung und tatsächlicher Nutzung weiter Welten.“). 

Zwar bedienen sich drei Viertel der Internetnutzer beispielsweise des  Online-Nachschlagewerks Wiki­pedia – aber fast ausschließlich, um Informationen abzurufen und nicht um sie – wie bei der Wikipedia-Grün­dung erhofft –  auch bereit zu stellen: „ 96 Prozent aller Nutzer sind nur der Informationsbeschaffung we­gen dort, nur ein Bruchteil trägt auch aktiv zum Ausbau oder der Verbesserung von Beiträgen bei, nämlich 4 Pro­zent.“

Bemerkenswert sind  auch Untersuchungsergebnisse, die einen engen Zusammenhang zwischen Berufstätig­keit und der Häufigkeit des Internetzugriffs zeigen. So misst der (N)ONLINER Atlas bei Berufstätigen mit 88 Prozent eine um 30 Prozent höhere Internetnutzung als bei Nicht-Berufstätigen (58 Prozent). Auch die ARD/ZDF-Onlinestudie ergibt: „Über alle soziodemografischen Merkmale hinweg liegt der Internetkonsum an Werktagen deutlich höher als am Wochenende. Auch der Tagesverlauf zeigt dies: Von 9.00 bis 15.00 Uhr liegt die Nutzung von Montag bis Freitag bei über 20 Prozent, am Nachmittag senkt sich die Kurve, um zwi­schen 19.00 und 21.00 Uhr noch einmal auf über 15 Prozent anzusteigen. Anders am Wochenende: Dort liegt die Nutzung zwischen 9.00 und 15.00 Uhr in etwa bei 50 Prozent der Werktagsnutzung und erst gegen Abend nähern sich die Nutzungsintensitäten wieder an.“ 

Diese Zahlen weisen einerseits auf die Privilegierung derer hin, die am Arbeitsplatz einen Internetzugang nutzen können, und zeigen zugleich, dass sich die Bedeutung des Internets dort relativiert, wo es – wie am Wochenende – mit anderen Aktivitäten konkurriert. Dabei ist zu beachten, dass nach dem (N)ONLINER-At­las nur sieben Prozent der Deutschen zur Gruppe der Berufsnutzer zählen, die am Arbeitsplatz über einen In­terzugang verfügen. Sie verbringen den Großteil ihrer Arbeitszeit vor dem PC. 

Angesichts dieser Situationsbeschreibung wäre es politisch ebenso falsch, ausschließlich auf das Internet zu setzen, wie es fahrlässig wäre, die Chancen des Internet nicht zu nutzen. Geboten ist in der politischen Kom­munikation die zielgerichtete Nutzung des Mediums, die eine massenkommu­nikative Wirkung meist erst ent­faltet, wenn die traditionellen Medien „Netzthemen“ aufgreifen. Man kann (und sollte) das Internet zur Initi­alzündung und Multiplikatorenansprache nutzen, aber um seine sehr eingeschränkte Breitenwirkung wissen.

Deshalb sind auch internetbezogene Entscheidungsverfahren (wie z. B. Online-Bürgerhaushalte) ebenso we­nig repräsentativ und demokratisch legitimiert wie es unlässig wäre, wenn der Staat die Zugangsmöglichkei­ten zu seinen Leistungen nur über das Internet eröffnet. Der Zwang zur Onli­ne-Steuererklärung ist ebenso wenig bürgernah wie es dem Transparenzgebot genüge tut, Infor­mationen nur im Internet zur Verfügung zu stellen. 

Demokratie basiert auf gleichen Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten für alle, die das Internet (bisher?) nicht bieten kann.

6 Antworten to “Internetstagnation als Politikfakt”

  1. Mono said

    Weder gefallen noch missfallen mir die genannten „Fakten“.

    Ihre „Analysen“ sind leider zu tendenziös, um mit Begriffen wie Unvoreingenommenheit zu argumentieren.
    Zumal sie niemals Studien zitieren, die ihren Aussagen wiedersprechen, bzw die dort genannten Fakten stur ignorieren.

    Ein Beispiel ist die direkte Schweitzer Demokratie und der fundamental andere Umgang der Schweitzer mit der Bankenkriese.

    Bei ihren Texten weiss man immer schon vorher, wohin die Reise geht.

  2. Mono said

    Welche Zugangsmöglichkeiten hat denn der kleine Bürger zu Zeitungen und Fernsehen, ausser zu schlucken, was er vorgesetzt bekommt?
    In der kommunikation in beide Richtungen liegt der Unterschied des Internet zu den „alten“ Medien.

    Bei ihnen hat man leider immer nur das Gefühl, sie würden das Netz am liebsten verbieten und alles soll so sein, wie zu Kohls Zeiten.

    • Wer meine Analysen unvoreingenommen liest, wird dort immer Hinweise auf Chancen und Risiken findem. Das ist das Ergebnis einer nüchternen Betrachtung, die sich nicht von Wunschvorstellungen oder Horrorszenarien leiten lässt. Das Internet ist weder der Untergang des Abendlandes noch der Eintritt in neues Zeitalter der Erlösung. Im übrigen gehört zur seriösen wissenschaftlichen Betrachtung auch, Fakten zur Kenntnis zu nehmen wie in den beiden zitierten Studien ermittelt.
      Auch wenn Ihnen diese Fakten („Internetstagnation“) nicht gefallen, lassen sie sich nicht ignorieren.
      Im übrigen bin ich seit Anfang der 90er Jahre intensiver Internetnutzer …

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